Unter fremden Segeln
Faladotörn mit der Grauen Jungenschaft 29.05-04.06.11
„Sie war das einzige Weib an Deck,
drum polierten sie ihr das Silberbesteck…“
schwirrte es mir durch den Kopf während Moses und Tim mit Handtüchern bewaffnet das Geschirr entgegennahmen, welches von unserem ersten Frühstück an Bord zeugte.
Der Rest der Crew war indessen dabei, das Schiff nach der ausgelassenen Singerunde des Vorabends aufzuklaren und zum Auslaufen bereit zu machen.
Also vielleicht ein wenig Zeit um zu erklären, was ich hier mache.
Ich hol mal kurz aus. Das Ganze fing eigentlich mit Martins Bitte an, eine Stadtführung für den luxemburger Lionsclub zu übernehmen, welche am Samstag bei der Falado starten sollte. Wie ich nun also Samstags morgens dort an der Blücherbrücke stand, der frische Wind mir durchs Haar und Gesicht wehte, erwachte in mir beim Anblick des Treibens an Deck der stolzen Brigantine die Lust ebenfalls in See zu stechen. Wiedereinmal war mein flottes Mundwerk schneller als der Kopf, der sicher irgendwas von einem anstehenden Umzug oder der Kleinigkeit mit den Vorlesungen in den Raum geworfen hätte, und so nahm ich noch am selben Abend auf der Singerunde an Deck freudestrahlend das Ok unseres Skippers Hajü entgegen, dessen einzige Sorge, als er mich mit dem Kontrabass unter Deck sah, war, wie um Himmels Willen man den nun eine Woche an Bord unterbringen sollte… Ich beruhigte Hajü lachend, dass ich den Kontrabass lediglich zur Singerunde im Gepäck haben würde und so wurde es ein munterer Abend, der bis in die frühen Morgenstunden andauerte. Und als Tina und ich uns gegen 4:00 Uhr in der Früh verabschiedeten und alles was bis dahin noch wacker durchgehalten hatte, sich gen Waagerechte neigte, machte ich mich auf den Weg, den Rucksack mit Hab und Gut zu füllen, hinterließ der Heimat eine kurze Nachricht mit dem Wortlaut„Chancen mehren sich, wenn man sie ergreift, ich bin segeln, macht euch keine Sorgen!“ und schwang mich wieder an Deck der Falado.
Dort angekommen erwartete mich… gähnende Leere. Gähnend trifft es tatsächlich ganz gut.Für die Zukunft: Vielleicht ist es nicht ganz realistisch, wenn jemand dir gegen 3 Uhr Nachts erzählt, er wolle am nächsten Morgen um 8:00 Uhr auslaufen. So vertrieb ich mir eine Weile mit Gitarrenspiel und Warten die Zeit, bis nach und nach Leben in die müden Geister kam.
Ein Frühstück später befand ich mich dann endlich selber völlig übermüdet, da um keine Minute Schlaf reicher, in langer Elli (ja, Elli nennt man das hier im Norden, Jungs) dicker Segelhose, Regenjacke und allem was der Seesack bzw. Rucksack hergab, bei strömendem Regen an Bord der Falado, wie sie unter gesetzten Segeln aus der Kieler Förde in Richtung offenes Meer segelte. Ich als einziges Mädel inmitten einer Crew bestehend aus einem Haufen Männer zum Großteil aus der Grauen Jungenschaft und und jeweils einem Mitglied des Fahrtenbundes 40 Morgen und des Jungenbundes Phönix, von denen ich Mühe und Not drei beim Namen nennen konnte und, das sei jetzt schon gesagt:
Es wurde meine bisher großartigste Woche des Jahres!
Zwar konnten die Jungs weder mit Schirm noch mit Melone auftrumpfen, dafür aber mit vorzüglichen Seemannsgeschichten, spontanen Badeaktionen bei Flaute, als sichere Seebären, die Frau Bärin auch bei hohem Wellengang, sowohl an als auch unter Deck wohlig in den Schlaf wiegten, als Harmoniekinder, mit kulinarischen Genüssen von Ketchup über saure Gurken bis hin zu Auflauf und Pasta al Lutz, mit wunderbarer teils theaterreifer Unterhaltung über Segelkunde, mit putzigen Versuchen norddeutsch- seebärisch zu klingen, als geduldige Zuhörer für alibihaftes Karteikartenabfragen, mit Sternenkunde, Brötchen am Morgen, Kuchen am Mittag, Fischbrötchen am Nachmittag, Anleger am Abend, und stets waren sie weder um einen Spruch noch um ein Lachen verlegen. Kurzum Charme hatten sie en más und somit mich innerhalb kürzester Zeit für sich gewonnen.
Wir segelten zunächst bei Wind und Wetter nach Maasholm, wo die Schiffsdame noch kurz zuvor dank vieler fleißiger Werfthelfer wieder zu schmuckem Aussehen gelangte. Am Tag drauf dann lichtete sich der Himmel allmählich und neben dem weißen Falken auf blauem Grund wurde die dänische Flagge gehisst und wir liefen in Faaborg ein, bevor es einen Tag drauf weiter nach Sonderborg ging. Von dort aus segelten wir dann wieder in heimische Gewässer und liefen in Flensburg ein, bevor Damp schließlich schon zum letzten Hafen vor unserem sonnig- badereichen Reindümpeln in Kiel wurde.
Braun- und rotgebrannt, erholt, glücklich und viele Erinnerungen reicher feierten zwei großartige Abschlussabende, einen an Deck und einen bei Brigitte in Hamburg, denen Worte an dieser Stelle nicht gerecht werden würden und die Crew, die in der Woche zusammengewachsen war zerstreute sich wieder in alle Winde.
von: graue-jungenschaft am 5. Juli 2011